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Der Berg der Kreuze ist einer der merkwürdigsten aber auch eindrucksvollsten Orte die ich bisher besucht habe. Nachts möchte ich hier lieber nicht sein. Tagsüber  könnte man meinen, tummeln sich viele Touristen zwischen den Kreuzen. Fehlanzeige. Hier tummelt sich nichts und niemand. Mitten im Nirgendwo findest du diese Kuriosität unter den Sehenswürdigkeiten. Freunde von mysteriösen Orten werden hier ihren Spaß haben. Ich konnte mir das ganze so schlecht vorstellen, dass ich mich einfach in Riga in einen Mietwagen gesetzt habe und dorthin gefahren bin. So etwas musste ich mir unbedingt aus der Nähe ansehen. Irgendwie haben solche Orte doch eine magische Anziehungskraft, oder?

Lage

12km nördlich der litauischen Stadt Siauliai liegt dieser mysteriöse Ort. Von Riga aus sind es nur 123 km. Damit eignet sich das Ziel auch perfekt für einen Tagesausflug, sowie ich es auch gemacht habe. Der Berg ist, wenn man es richtig nimmt, ein 10 m hoher Hügel. Nichts desto trotz ist er allemal sehr imposant und einen Besuch wert. So einen spannenden Ort hatte ich noch nicht gesehen. Rundherum findest du grüne Wiesen und einen Wald. Die Lage an sich würde ich mitten in der Einöde beschreiben. Nichts ahnend fuhr ich mit dem Wagen auf einer Landstraße entlang und dann wie aus dem Nichts taucht irgendwo in weiter Ferne diese Ansammlung von Kreuzen auf. 

Heiliger Ort

Seit 1991 ist der Berg der Kreuze ein heiliger Ort für Katholiken geworden. Im Laufe seiner Geschichte wurden die Kreuze immer wieder entfernt und nieder gewalzt, doch auch immer wieder neu errichtet. So wurde er Symbol für den Widerstand der Bevölkerung und den tiefen Glauben der katholischen Litauer. 2002 wurde in Auftrag von Papst Johannes Paul II. ein Kloster am Berg der Kreuze erbaut. Es dient heute als Ort des Gebetes, indem 16 Mönche des Franziskaner Ordens wohnen.

Die immer wechselnde Geschichte

Man vermutet, dass der Berg der Kreuze bereits im Mittelalter eine Art Gebets- und Opferstätte war. 1348 soll er durch Kreuzritter zerstört worden sein. Dieses Prozedere soll sich mehrmals wiederholt haben.

Im 19. Jahrhundert wurde er zum Symbol des Widerstandes, als sich die Litauer gegen die russische Obrigkeit wehrten. Seit dem haben Menschen dort immer wieder Kreuze aufgestellt, um ihren gefallenen Familienmitgliedern zu gedenken.

Welche Geschichte glaubst du? 

Berg der Kreuze
Niemand weiß wie viele Kreuze es sind

Die Zwei Legenden

Legenden gehören zu so einem mystischen Ort dazu, wie der Nebel zum Moor. Zwei Legenden werden sich über die Entstehung erzählt und verleihen dem Ort dazu etwas magisches.

Vor 300 Jahren soll ein Fürst aus Vilnius einen Prozess geführt haben. Auf seinem Weg nach Riga, kam er an diesem Hügel vorbei und schwor ein Kreuz aufzustellen, wenn er vor Gericht erfolgreich sein würde. Er gewann der Prozess und errichtete das Kreuz. Ihm folgten weitere Menschen mit der Errichtung von Kreuzen.

Die andere Legende erzählt von einem Vater, der eine totkranke Tochter hatte. Eines Nachts wachte er aus einem merkwürdigen Traum auf. Eine Frau in weißem Gewand sagte ihm, er solle auf dem Hügel ein Kreuz errichten und seine Tochter würde so wieder gesund. Der Mann errichtete das Kreuz und seine Tochter war genesen. Die Erzählung dieses Wunders verbreitete sich schnell, so dass viele Menschen mit Sorgen ihre Kreuze dort aufstellten und so der Berg der Kreuze entstand.

Wie viele Kreuze sind es?

Wie viele Kreuze es sind kann keiner genau sagen. 1990 wurden mehr als 50.000 Kreuze gezählt. Hinzu kommen unzählige Rosenkränze. Mittlerweile müssten es über 100.000 Kreuze sein. Besucher können sich am Eingang ein Kreuz kaufen und dieses aufstellen. So kommen immer mehr Kreuze hinzu. Natürlich habe auch ich ein Kreuz dort aufgestellt in Gedenken an all meine Lieben. Von Miniaturkreuzen bis hin zu riesigen Kreuzen gab es alles. Einige Kreuze waren nicht mehr zu erkennen oder drohten umzukippen, weil sie so beladen waren.

Blick vom Berg der Kreuze
Kreuze in allen Größen

Vor Ort

Am besten reist du mit dem Mietwagen an. Es gibt eine kleine Touristeninformation, welche einen Souvenirshop beherbergt. Toiletten befinden sich dort auch. Auf dem Parkplatz bieten viele Händler Schmuckstücke aus Bernstein an und Kreuze in allen Größen, von kitschig bis schlicht.

Schon vom Parkplatz aus hat man einen Blick auf den Berg der Kreuze. Ein Weg führt dich geradewegs dorthin. Ich fühlte mich etwas mulmig, denn ich hatte noch nie zuvor so einen Ort besucht. Und dann stand ich dort, umgeben von Kreuzen und einer riesigen Jesusstatue. Meine Gefühlslage war genauso komisch wie dieser Ort. Ich hatte einfach nur das Bedürfnis dort umher zulaufen. Ein Kloß steckte mir im Hals und hinderte mich daran vernünftig zu atmen. Bewegung war genau das, was ich brauchte. Mit langsamen Schritten bahnte ich mir einen Weg durch Kreuze, Statuen und Rosenkränze. Meine Stimmung war sichtlich bedrückt. Ich dachte an all meine Lieben, die diese wunderbare Welt schon verlassen mussten. Es waren Momente für mich Alleine mit einem Mix aus schönen Gedanken und ein wenig Traurigkeit.

Viele Kreuze überragten meinen Kopf und ich musste weit hinauf schauen, sodass mir der Nacken weh tat. Einige Kreuze hatten persönliche Botschaften. Ich versuchte diese zu entziffern, was mir nicht wirklich gelungen ist, so spreche ich doch kein litauisch. Trotzdem war es höchst interessant. So geschichtsträchtige Orte mag ich gerne. Sie haben so viel erlebt. Das wären sicherlich Geschichten, die jeder gerne hören würde. Die Ruhe war gespenstisch. Bei jedem noch so kleinen knacken, zuckte ich innerlich zusammen und schaute mich hektisch um Nur zwei weitere Menschen waren mit uns hier. Eine ältere Dame stellte ihr Kreuz auf und betete. Entschlossen ging ich in eine andere Richtung. ich wollte der älteren Frau ihr Ruhe lassen. 

Ich ließ die Atmosphäre auf mich wirken und verabschiedete mich mit dem selben mysteriösen Gefühl, mit dem ich schon gekommen war. Im Auto konnte ich wieder besser Atmen. Der Berg der Kreuze, ein Ort den man mit Worten kaum beschreiben kann. Man muss diese Atmosphäre in dieser surrealen Kulisse einmal selbst erleben und spüren.